Hallo Armin,
ich denke, es ist nichts Außergewöhnliches, dass gerade Männer den Wald vor lauter Bäumen nicht immer sehen – im Gegensatz zu Familienmitgliedern, die gesundheitliche Veränderungen i. S. einer Verschlechterung als soz. „Außenstehende bzw. -fühlende“ viel besser erkennen. Die Person selbst erlebt die Verschlechterung genauso, wie man einen steigenden Blutdruck merkt – also praktisch gar nicht. Es zieht sich über Jahre (im Sinn einer „shifting baseline“), aber irgendwann steht man vor der Tatsache, dass das subjektiv Gefühlte mit dem objektiv Gemessenen nicht mehr viel miteinander zu tun hat, wie bei Deinem Kunden. Und man macht sich unfreiwillig und unbeabsichtigt was vor. Ein BA von +21 (!) lässt sich allerdings nicht mehr ganz sooo leicht schönreden…
Anhand der Messung liegt es nahe, dass der AVEM zumindest ein Mischmuster A + B zeigt (also zwischen Raubbau und Burnout). Aber man lässt sich ohne HRV-Messung auch gerne von der beruflich getriggerten, blankpolierten Benutzeroberfläche der Menschen täuschen. Er darf wahrscheinlich, wie viele von uns, beruflich keinerlei Anzeichen von Schwächen nach außen hin erkennen lassen, aber unter der Hülle gärt es langsam, aber beständig… Wenn ich so mittags durch Innsbruck gehe, dann habe ich oft das Gefühl, ziemlich vielen personifizierten Potemkin’schen Dörfern in Anzügen über den Weg zu laufen: außen hui, aber innen vegetativ erodiert. Ich hatte heuer selbst einen Vertreter der Fitnessbranche zur Messung: Unter der nach außen hin braun gebrannten und Kraft strotzenden Hülle verbarg sich ein ausgelaugter und frustrierter Mensch, der dringend medizinische Hilfe brauchte. Aber angesehen hat man ihm das einfach nicht…
Jeder Mensch braucht, denke ich, ein einigermaßen stabiles Selbstbild, um auch das (gesundheitliche) Vertrauen in sich nicht zu verlieren. Dass es ihm aber offenbar nicht immer so gut geht, wie er es selbst gerne hätte, sieht man v. a. zwischen 13 – 16.30 Uhr. Es geht ihm schlecht, und das spürt er auch. (Eine Herzrate von 110 bedeutet, dass der Vagus nicht mehr Puls senkend eingreift. Und der Hof um den Mittelpuls ist auch sehr eng.) Gehe beim Coaching mal in der Med-Analyse in eine 5-Minuten-Säule so um 15 Uhr herum, um ihm seine Situation anhand der Daten zu veranschaulichen. 131.000 Herzschläge sind verdammt viel, d. h. wäre er ein Auto, würde er sehr hochtourig fahren und dabei 25 Liter Super verbrauchen… Das Einzige, das in der Messung wahrscheinlich gut bewertet wird, ist der Schlaf, weil er an an den lausigen Tagesdaten gemessen noch halbwegs positiv hervorsticht. (siehe Dynamik A, pNN, HF, etc.) Aber auch das ist ja nur relativ gut und nicht absolut.
Wem soll man nun Glauben schenken: HRV oder AVEM? Zum Glück ist der Unterschied zwischen HRV und AVEM sehr selten so ausgeprägt, aber mit der Ambivalenz müssen wir irgendwie umgehen. Es zeigt uns nur, dass fühlen und messen zwei Paar Schuhe sein können. (Ich halte aber diesen konkreten Fall eindeutig für „günstiger“, wenn man das überhaupt so sagen kann, als den umgekehrten: Die HRV-Daten sind bestens, aber er leidet im Alltag wie ein Hund. Das lässt Menschen eindeutig frustrierter zurück.) Nachdem Dein Kunde sich in seiner subjektiven Realität erlebt und sonst nirgends, wäre es töricht, ihm diese auszureden zu versuchen. Andererseits sind die Daten so unmissverständlich schlecht, dass es fahrlässig und im Hinblick auf sein Alter auch gefährlich wäre, in „altbewährter“ maskuliner Manier zu meinen: Das wird schon wieder. Schau ma mal. Halb so wild. Die ca. 20 Arbeitsjahre haben sich unverkennbar ins Vegetativum eingebrannt, auch wenn er das so nicht ständig spürt und die gut 20, die er noch vor sich hat, sind noch eine ganze Weile.
Ich halte es überhaupt nicht für angebracht, die Ambivalenz krampfhaft auflösen zu wollen. C’est la vie! Ehrlich gesagt, halte ich es für am wichtigsten, seinen objektiv gemessenen, schlechten Allgemeinzustand - ungeachtet dessen, wie er sich selbst sieht - medizinisch diagnostisch abklären zu lassen. Ohne unnötig zu dramatisieren, wäre alles andere unverantwortlich. Ich würde auch seine Frau fragen, an welchen Denkmustern, Gefühlen oder Handlungen sie seinen sich verschlechternden Gesundheitszustand festmachen kann. Vielleicht zeigt ja das schon eine ganz konkrete diagnostische Richtung an. Ich hoffe, dass das ein wenig hilfreich war… 
Liebe Grüße, Erich