Hallo Nicole,
der Begriff Boreout geistert zwar immer noch durch die Literatur, ich halte ihn aber – im Gegensatz zu Burnout – für einen eher unglücklichen, nichtssagenden Kunstbegriff – „ausfadisieren“ oder was? (Burnin klingt ja auch wie Einbrenn.)
Anyway… Dein Klient lebt offensichtlich in 2 Welten: der Arbeitswelt einerseits und der Gegenwelt zuhause andererseits. Beide könnten unterschiedlicher nicht sein.
Im Spektrogramm selbst ist ja nicht wirklich sehr viel Unterschied zu erkennen, was er gerade tut. Dafür, dass er keinen Sport betreibt, ist er nicht sehr ökonomisch unterwegs (viele Herzschläge), was Du ja auch schon im verschlissenen Vagus erkannt hast (pNN niedrig, HF zweistellig, RMSSD schlecht). Er tut nichts, und das ineffizient. Was ich besonders bedenklich finde ist, dass sich die zirkadiane Rhythmik umgedreht hat. (TP im Schlaf niedriger als tagsüber, d. h. nachts keinerlei Thermoregulation, d. h. seine Funktionssysteme machen keinen richtigen Check und Restart.)
Die Situation, in die er sich durch seine hoffentlich autonom gefällte Entscheidung (=selbst getroffen und aus guten Gründen), bis zur Frühpension gnadenlos durchzubeißen, gebracht hat, halte ich für nicht ungefährlich. Wer sich jahrelang jeden Morgen die Frage stellt „Wozu das Ganze?“ oder „Noch 3 Jahre! Wie soll das nur gehen?“, dem geht diese Situation irgendwann unter die Haut und es machen sich entweder psychosomatische Befindlichkeitsstörungen breit oder er kompensiert den Frust – vorsichtig ausgedrückt – durch zu viel Genuss (also so was wie Suchtverhalten). Selbst dann, wenn er ein gut funktionierendes soziales Umfeld hat und noch zusätzlich sinnvolle Tätigkeiten in der Freizeit, wo er zeigen kann wer er wirklich ist und was er wirklich kann, fehlt die Arbeit als wichtiger Identifikationsfaktor seines Selbstbildes.
Ich möchte die Erkenntnis von Frankl (bzw. Schopenhauer) mal umdrehen: „Wer kein richtiges Warum hat, erträgt auf Dauer auch kein Wie.“ Angesichts dessen halte ich sogar die Arbeitslosigkeit für eine nicht schlecht zu redende Alternative. Jahrelang den einzigen Gedanken durchzukauen, der einen nicht an der Welt verzweifelt lässt, nämlich hoffentlich irgendwann die Frühpension zu erreichen, ist schon eine Herausforderung und sammelt enormes Frustpotenzial an. Es muss ja auch irgendwie kränkend sein, wenn einem bewusst wird, dass tagtäglich unwiederbringliche Lebenszeit verstreicht, die man in ein Unternehmen investiert, das keine Zukunft hat. Wenn es schon scheinbar keine Alternative zum glücklichen Erreichen der Frühpension gibt und es ja offenbar völlig egal ist, was er während seiner Anwesenheit tut, dann könnte er sich ja zumindest irgend eine Betätigung suchen, die dem sog. „Arbeits“alltag einen Inhalt gibt, der darüber hinausgeht, auf den Feierabend zu warten.
Ich hatte mal einen Kunden, dem es ganz ähnlich erging. Auf meine Anregung hin, sich im Büro zumindest irgendwie sinnvoll zu beschäftigen anstatt 5x/Woche auf den Feierabend hinzuwarten, habe ich ihn gebeten mal nachzudenken, was ihn vor langer Zeit schon interessiert hat (wofür er gebrannt hat), er dafür aber aus beruflichen Gründen nie Zeit gefunden hat. Er hat bald darauf gekündigt und wurde innerhalb von 2, 3 Jahren zu einem international anerkannten Spezialisten für Wappenkunde und hält Vorträge im ganzen deutschsprachigen Raum. In seiner Kindheit war genau das sein Steckenpferd. Beruflich tätig war er in einer Versicherung als frustrierter Sachbearbeiter…
Als „stark in VLF“ braucht Dein Kunde dringend 3 Dinge: Ziele, Ziele, Ziele! Das Erreichen der Frühpension mag ja durchaus so eines sein, aber wenn das Ziel auch noch halbwegs Sinn haben soll, braucht es eindeutig was Anderes. Wenn er die „paar Biere“ nicht gewohnheitsmäßig aus Frust, sondern mal aus Lust, Jux und Tollerei getrunken hat, dann geht’s ja noch. Hak mal nach… Eigentlich bräuchte er auch so was wie eine Lebensberatung, um zu einer nachhaltigen Perspektive zu kommen. Aber vielleicht bekommt er das durch Dich ja sowieso.
Mit lieben Grüßen, Erich